Kommentar: A guided tour through Corporate 19

Ab der S-Bahn Station „Rondo Waszyngtona“ ist der Weg zum Warschauer Nationalstadion gut ausgeschildert. Vorbei an dem Stand, der auf Organhandel in China aufmerksam machen will, vorbei an den in Angry Birds Kostümen verkleideten Vegan-AktivistInnen, die Flyer und vegane Snacks verteilen. Einmal durch die Sicherheitskontrolle und den Ausweis einscannen lassen. Eine vergrößerte Aufnahme meines Passfotos erscheint auf dem Monitor. Ja, dass bin tatsächlich ich. Also rein da.

Ich fahre mit dem Aufzug in „Level -2“, die Ebene, von der noch vor kurzer Zeit die Spieler der Nationalmannschaften aufs Spielfeld gelaufen sind. Heute gibt es aber keinen grünen Rasen, sondern nur eine rote Karte für den riesigen Pavillon, der das ganze ehemalige Spielfeld ausfüllt. Innen drin zwei Plenarsäle und Meeting Rooms für die Pressekonferenzen. Konstruiert und gebaut wurde diese provisorische Halle von ArcelorMittal, einem der offiziellen „Partner“ der COP 19.

Mit freundlichen Grüßen von ArcelorMittal

ArcelorMittal? Kenne ich nicht, google ich. Wikipedia verrät mir näheres: ArcelorMittal ist ein transnationaler Stahlkonzern mit circa sechzig Werken in über zwölf Staaten. Noch vor Thyssen-Krupp und Acerinox ist das der größte Stahlproduzent weltweit. Klingt für mich nicht direkt umweltfreundlich. Aber die offizielle Seite der COP 19 beruhigt mich mit jeder Menge Informationen über die Bemühungen des Konzerns, Stahl nachhaltig zu produzieren: „Reducing CO2 emissions to tackle climate change is an important challenge for ArcelorMittal and the steel industry and a key part of our corporate responsibiliy strategy“. Klingt schon einmal gut, richtig überzeugen tut mich aber letztendlich vor allem die hervorragende CO2 Bilanz: Um Emissionen zu sparen, setzt der Konzern darauf, zeitweise Anlagen zu schließen. Zudem unterstützt er den Bau von neuen Atomkraftanlagen in der Europäischen Union und setzt sich verstärkt für Forschung im Bereich der Carbon Capture Technology ein, damit die notwendige Kohlenutzung in Zukunft niemanden mehr stört. Dass dieser sanfte, grüne Riese einmal ein Sponsor der internationalen Klimakonferenz wird, hätten die NGOs Corporate Europe Observatory (CEO) und Attac Denmark bestimmt nicht vermutet, als sie ArcelorMittal anlässlich des World Business Summit on Climate Change 2009 einen stolzen vierten Platz beim Rennen um den Climate Greenwash Award verliehen.

Kümmert mich aber erst einmal nicht weiter, denn CAN (Climate Action Network) berichtet in einer Pressekonferenz von Aktivitäten der Zivilgesellschaft außerhalb des Stadions und den Fortschritten innerhalb. Ganz gut, dass das einem mal jemand ins Gedächtnis ruft, denn vom Leben außerhalb kriegt man in diesem kleinen Mini-Kosmos tatsächlich wenig mit. Gestern gingen die großen Sitzungen bis vier Uhr morgens. Eigentlich könnte man auch direkt im Stadion übernachten. Einige der Delegierten und Beobachter scheinen diese Möglichkeit durchaus in Betracht zu ziehen. Am vorletzten Tag sind ein Großteil der Sitzgelegenheiten mit erschöpften Teilnehmern besetzt, die sich einen Schal um die Augen gelegt haben, um wenigstens eine Minute mal Ruhe und Erholung zu haben.

Mit freundlichen Grüßen - Ikea & Emirates

Die Sitzsäcke und die Tischchen die für diese Gelegenheit genutzt werden können, sind übrigens netterweise von Ikea und der staatlichen Fluglinie Emirates gesponsert (Zwei weitere „Partner“ der COP 19). Die weißen „Lack“-Tische sehen schon schick aus mit dem roten Logo der Emirates, die sich dem Slogan nach um meinen Komfort und mein Vergnügen kümmern wollen. Das finde ich sehr nett. Auch wenn mir nicht ganz klar wird, wie eine Fluglinie mit den Bemühungen um einen verstärkten Klimaschutz in Einklang gebracht werden kann (Ich will auch niemandem zu Nahe treten, aber die Vereinigten Arabischen Emirate, die Inhaber der Fluglinie, habe ich auch nie damit in Verbindung gebracht).

Mit freundlichen Grüßen - Ikea & Emirates

Mit freundlichen Grüßen - Ikea & Emirates

Die Überschrift auf der COP 19 Seite „Emirates – Committed to making a difference to the environment“ sehe ich dementsprechend auch eher als Satire. Aber keine Angst, wenn man die „Special Promotion“ für Delegierte wahrnimmt und dementsprechend umweltfreundlich mit dem Flugzeug zur Konferenz anreist, kann man sich wenigstens sicher sein dass hier Recycling Papier verwendet wird. Das scheint nämlich der Anspruch zu sein wenn man eine „ecologically-efficient organisation“ sein will.

Hoch geht es nun auf Ebene 1. Dem Gerücht nach soll es dort Welcome Bags geben. Wenn es etwas umsonst gibt, sind wir ja alle schnell dabei, also wird sich auf die Suche gemacht. Und tatsächlich, da sind sie. Schöne graue Filzbeutel. Links das COP 19/CMP 9 Logo, rechts daneben, in der gleichen Größe, ein Schriftzug: „Lotos“. Schon wieder hilft mir Wikipedia. Die Aktiengesellschaft vertreibt Mineralölprodukte an über 400 Tankstellen in Polen. Nun bin ich mir wirklich ziemlich sicher, dass die COP 19 Seite auf jeden Fall auf Selbstironie setzt. Der Slogan „Lotos – The Green Side of the Force“ erinnert mich unwillkürlich an eine Greenpeace Aktion bezüglich eines gewissen großen deutschen Automobilkonzerns.

Weitere Gadgets im Welcome Bag; ein Schreibblock, ein Kugelschreiber, ein USB Stick, eine Infobroschüre (Ich schlage die erste Seite auf; eine Werbung von Siemens) und Mütze und Handschuhe mit dem COP 19/CMP 9 Logo. Möglicherweise ein nett gemeinter Hinweis: Globale Erwärmung? Klimawandel? Viel zu weit weg und bestimmt nicht in Warschau. Ich schnappe mir noch einen der Äpfel (ebenfalls im Corporate Design und mittlerweile als „Snow White´s Apple“ bekannt), lasse mein Badget beim rausgehen wieder einscannen (ja, das bin noch immer ich auf dem riesigen Foto) und verlasse das Stadion. Mit der Hoffnung, dass der ein oder andere der Delegierten heute mit einem ähnlich komischen Gefühl nach Hause geht.

Verpflegung im Corporate Design

Weitere Informationen zu der COP 19 /CMP 9 und den Sponsoren:

Die offiziellen „Partner“

Infos zu ArcelorMittal

Snow White’s Apples

COP 19 guide to corporate lobbying

Eva Rink

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