Zwischen Empörung und Widerstand

(Klima-)Gerechtigkeit. Das war der Fixpunkt um den sich unser Termin am Mittwochvormittag drehte. Gemeinsam mit Ulrike Röhr vom Netzwerk GenderCC (Woman for Climate Justice) versuchten wir das Thema vor allem aus einer Genderperspektive heraus zu fassen. Und dazu hatte sie viel zu sagen, denn ihr Verein bietet allen AktivistInnen, die sich für eine „geschlechtergerechte Klimapolitik“ engagieren möchten, eine gemeinsame Plattform und ist weltweit aktiv.

War Klimagerechtigkeit für mich im Vorfeld noch ein relativ klar umrissener Begriff, verlor er im Laufe des Gespräches zusehends an Kontur und wurde immer breiter. Die Gretchenfrage: „Was ist überhaupt gerecht?“ ließ sich jedenfalls nicht so einfach beantworten, wie ich mir das vorgestellt hatte. Ging es um Geschlechtergerechtigkeit? Generationengerechtigkeit? Verteilungsgerechtigkeit? Letztendlich sind dies alles Aspekte, die es zu berücksichtigen gilt.

Ulrike war aber nicht gekommen, um mit uns eine rechtsphilosophische Debatte zu führen. Stattdessen war es ihr erklärtes Ziel uns für den Kampf gegen den Klimawandel zu gewinnen. Dazu wählte sie allerdings einen ungewöhnlichen Weg, denn unser Gespräch begann mit einer sehr negativen Prognose: Der Klimagipfel in Warschau ist bereits gescheitert, und von den nächsten Gipfeln sei auch kein anderer Ausgang zu erwarten. Der Prozess um ein Kyoto-Nachfolgeprotokoll sei „eigentlich schon gestorben“. Als AktivistIn bleibe jetzt die Möglichkeit, sich entweder vom „System“ korrumpieren zu lassen oder deprimiert in Lethargie zu verfallen.

Gut, was will ich dann eigentlich noch in Warschau? Vernetzung lautete hier das Zauberwort. Denn Ulrike machte uns Mut: Wenn das System nicht funktioniert, muss man es eben ändern. Wandel statt Resignation. Als Alternative zu den internationalen Weltklimagipfeln betonte sie die Vorteile regionaler Zusammenarbeit. Empowerment, von der Wurzel bis zur Spitze. Dennoch müsse auf internationaler Ebene ein Austausch stattfinden, denn nur wenn man der globalisierten Welt eine globale gut vernetzte Zivilgesellschaft entgegenstelle, ließe sich noch Druck auf die Politik ausüben und ein Wechsel bewirken. Sollte selbst das nicht gelingen, „[Müsse] man eben alles gegen die Wand fahren [lassen]“. Mit solchen Aussagen – und derlei gab es viele – wusste sie zu polarisieren, klangen sie doch häufig absolut und unversöhnlich. Angesichts Ulrikes Geschichten und Erfahrungen im Kontext der globalen Klimapolitik verstand man aber sehr schnell, warum sie zu solch drastischen Einschätzungen kam.

Gruppendiskussion mit Ulrike Röhr

Recht eindringlich beschrieb die Aktivistin der ersten Stunde, warum sie z. B. Kooperationen mit eher wirtschaftsnahen NGOs ablehnte oder sich mit halbgaren Kompromissen nicht zufrieden geben wollte. So wurde es ein z. T. sehr emotionales Gespräch. Mit jeder Minute wuchs aber die Erkenntnis, hier lebt jemand noch seine Ideale und Überzeugungen.

Dies wurde dann auch im zweiten Teil des Gespräches deutlich, bei dem es um den Genderaspekt ging. Ulrike kritisierte dabei vor allem, dass Genderdebatten häufig an zwei Extrempositionen festgemacht würden. Entweder würden Frauen eine Opferrolle aufgezwungen oder aber sie würden zu den neuen „agents for change“ verklärt. Dass Frauen ebenso ihren Anteil am Klimawandel tragen, würde kaum berücksichtigt. Insgesamt schildert sie die Situation als sehr unbefriedigend und das obwohl die Genderdebatte seit der ersten COP 1995 geführt wird. Von einer Gleichberechtigung kann noch keine Rede sein. Vieles sei „bloße Show“, die tragischer Weise sogar von vielen Frauen mitgetragen würde. Angesichts der immer noch niedrigen Beteiligungsrate weiblicher Delegierter und der noch niedrigeren Anzahl an weiblichen Verhandlungsführern, appelliert Ulrike vor allem an die Frauen in unserer Gruppe, sich trotz der widrigen Umstände einzubringen.

Und so schloss sie auch mit einem versöhnlichen Fazit: Veränderungen brauchen ihre Zeit, vor allem sozialer Fortschritt gestaltet sich als zäher Prozess, aber es ist unser gutes Recht, diesen Fortschritt einzufordern.

Wir danken  Ulrike Röhre für dieses interessante Gespräch. Ich glaube ihr energischer Appell ist bei vielen von uns auf fruchtbaren Boden gefallen: Getreu dem Motto von  Stéphane Hessel: „Empört Euch“ – Engagiert Euch.

André Völker, Foto: Pauline Schur

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