Sichtung, Kategorisierung und Schadensanalyse der Fotomedien des Universitätsarchivs der Technischen Universität Braunschweig mit KEK-Projektfördermitteln

Wichtige Innovationen haben meist mehrere Vordenker*innen, im Fall der Fotografie heißen sie u. a. Joseph Niépce und Louis Daguerre. 1839 bezeichnete die französische Akademie der Wissenschaften vor allem Daguerre als Erfinder der Fotografie.

Fotos üben seit ihrer Erfindung Anfang des 19. Jahrhunderts eine große Faszination auf Menschen aus:

Endlich konnten sich auch Ärmere dank dieser neuen Technik Erinnerungen an besondere Ereignisse wie Taufen oder Hochzeiten leisten. Mit der Firma Voigtländer gab es übrigens in Braunschweig von 1849 bis 1972 einen bedeutenden Produzenten für Fototechnik. Aufgrund seiner familiären Beziehungen war hier zeitweise der Braunschweiger Mathematikprofessor und Komponist Hans Zincke(n), genannt Sommer als Konstrukteur optischer Geräte tätig.

 

Rund um den Globus sind die Dachböden, Keller und mittlerweile zudem Festplatten, Clouds usw. voll von entsprechenden Überlieferungsbemühungen wie analoge Fotoalben und ihre digitalen Entsprechungen. Hinzu kommen die Fotosammlungen der Gedächtnisinstitutionen: Zahlreiche Archive, Museen, Sammlungen und Dokumentationszentren verfügen über mehr oder minder große Fotobestände. Diese sind weltweit vom Zerfall bedroht, material- wie lagerungsbedingt. Das gilt kurz- bis mittelfristig gleichfalls für die digitalen Fotos, sofern keine Maßnahmen zur digitalen Langzeitarchivierung vorgenommen werden.

Das Universitätsarchiv Braunschweig verfügt mit der dazugehörigen „Sammlung für Architektur- und Ingenieurbauwesen“ (SAIB) ebenfalls über einen großen Bestand an Fotomedien (ca. 7.000 Fotografien, zahlreiche Negative und rund 96.000 Dias). Digitale Fotos wurden bislang in kleinerem Umfang übernommen, v. a. im Rahmen der Übernahme professoraler Nachlässe.

Insgesamt gesehen leisten die Fotomedien nicht nur einen elementaren Beitrag zur Geschichte und Identität der TU Braunschweig, sondern überdies zur allgemeinen Hochschul- und Wissenschaftsgeschichte der Technischen Universitäten. Fotos gemeinsamer Veranstaltungen, Symposien, Vorträgen usw. spiegeln sowohl den alltäglichen Wissenschaftsbetrieb wider als auch seinen Wandel: So sind seit den 1960er-Jahren Frauen signifikant häufiger auf den Fotos vertreten. Abbildungen von Laboren, Vorlesungssälen, Institutsräumen oder Bibliotheken illustrieren die früheren Lehr- und Lernbedingungen. Fotomedien des Universitätsarchivs aus den Bereichen der innovativen Flugforschung und früher Rechenanlagen zählen bundesweit zu den singulären Beständen, ebenso wie die einzigartigen Bestände zur bundesrepublikanischen Nachkriegsmoderne (sogenannte „Braunschweiger Schule“ mit den Architekturprofessoren Walter Henn, Friedrich Wilhelm Kraemer und Dieter Oesterlen).

Aufs Ganze betrachtet stellen die Fotomedien des Universitätsarchivs für die Vermittlung historischer Entwicklungen im Studium und für den Wissenstransfer in die Gesellschaft wichtige Quellen dar. Darüber hinaus erhöhen sie die Identifikation mit der Universität, etwa mittels der Bilder bekannter Absolvent*innen oder Professor*innen. Das 1877 erbaute Altgebäude sowie das Forumsensemble mit Audimax, Universitätsbibliothek und Verwaltungsgebäude zählen als Motive dazu.

Heinrich Beckurts, Professor für pharmazeutische Chemie und Nahrungsmittelchemie. Bild: Universitätsarchiv Braunschweig

Leider sind diese bedeutenden Quellen wie überall teilweise vom Zerfall bedroht. Ein Beispiel ist das sogenannte „Knapp-Album“ aus dem Jahr 1900 mit zahlreichen Professorenfotos, in der zeitgenössisch beliebten Variante der „Carte de Visite-Fotografien“. Das Album trägt den Namen von Friedrich Ludwig Knapp, Professor für technische Chemie. Ihm verlieh der Braunschweiger Regent Prinz Albrecht von Preußen am 23. November 1900 als Ersten an der TH Braunschweig den Titel „eines „Doctor-Ingenieurs Ehren halber“. Stellvertretend für seine Kollegen (Professorinnen gab es damals noch nicht der TH Braunschweig) steht hier das Foto von Heinrich Beckurts, Professor für pharmazeutische Chemie und Nahrungsmittelchemie. Beckurts lehrte von 1877 bis 1929. Er initiierte an der TH die erste staatliche Nahrungsmitteluntersuchungsstelle Braunschweigs. Fortschrittlich wie er war, stellte er die erste Assistentin ein (die Pharmazeutin Ilse Rüder). Beckurts` Foto und einige andere weisen Schäden auf. Allein wegen seines Quellenwerts steht das „Knapp-Album“ oben auf der Prioritätenliste des Universitätsarchivs für Restaurierungen.

Diese Prioritätenliste entstand im Rahmen eines Projekts, das von der „Koordinierungsstelle für die Erhaltung des schriftlichen Schriftguts“ (KEK) 2019 finanziert wurde. Zu ihren vielfältigen Aufgaben zählt die Finanzierung von modellhaften Projekten, die dem Erhalt schriftlicher Kulturgüter in Archiven, Bibliotheken, Museen, Sammlungen usw. dienen.

Außerdem zählt die Sensibilisierung der Öffentlichkeit für den Erhalt des kulturellen Schrifterbes zu den Aufgaben der KEK. Um die Mittel möglichst vielfältig einzusetzen, variieren die Themen der KEK-Modellprojektförderung von Jahr zu Jahr. Das Projekt des Universitätsarchivs aus dem Jahr 2019 stand unter dem Motto „Prävention lohnt“.

Werfen wir einen Blick auf Konzeption, Durchführung und Workflow des Braunschweiger Modellprojekts: Modellhaft und eher ungewöhnlich ist die vorgelagerte Gesamtplanung. Diese wurde von einer externen Restauratorin durchgeführt. Sie sichtete alle Fotomedien überblickshaft auf Materialität sowie Schadensbilder und erstellte eine Kategorisierung, einschließlich einer Liste der Objekte mit hohem Restaurierungsbedarf.

Erstens entstand so auf Basis dieser Sichtung eine KEK-finanzierte, detaillierte Dokumentation der im Archivalltag besonders oft nachgefragten Bildbestände J I (Portraits) und J II (Personengruppen). Das entspricht ca. 2.000 Fotos. Zwei studentische Hilfskräfte mit entsprechender Praxiserfahrung führten diesen Arbeitsschritt durch. Sie erfassten u. a. Signatur, Objekttyp (z. B. Papierabzug, Kopie), Farbspektrum, Bildtyp (u. a. Porträt, Schulterstück, Hüftbild, Büste), Material (PE-Papier, Barytpapier, Albuminpapier, Toner-Druck usw.). Aufgenommen sind überdies „erkennbare Schäden“ wie etwa Abrieb, Silberspiegel, Kratzer oder Knicke.

Auf dieser Erfassungsgrundlage sind künftig gezielte Restaurierungsmaßnahmen möglich wie z. B. aller Fotografien mit Silberspiegel (Aussilberung).

Zweitens wurden die Sichtungen der Fotobestände im Hinblick auf etwaige Doppelüberlieferung im Stadtarchiv Braunschweig und im NLA Standort Wolfenbüttel durchgeführt, um u. a. vermutete unnötige Doppelrestaurierungen zu vermeiden. Es stellte sich sehr bald heraus, dass es nur Doppelüberlieferungen im Hinblick auf Kopien oder Ausschnitte gibt (meist aus Büchern, Zeitschriften, Zeitungen und Publikationen der TU Braunschweig und ihrer Vorgängereinrichtungen wie z. B. TU-Aktuell oder der Lokalzeitungen). Kopien dienen im UABS jedoch lediglich als Anschauungsmaterial und werden daher nicht restauriert und im Bedarfsfalle nochmals kopiert.

Drittens stand die Neuverzeichnung der Fotomedien auf dem Programm: Dabei wurde zweigleisig verfahren. Die Bestände J I und J II sind einerseits vollständig bis Signatur J II : 6-24 (8) mit dem Archivinformationssystem Arcinsys erfasst. Dabei wird andererseits zwischen rechtlich abklärbaren Originalabzügen und Kopien von Fotos unterschieden (letztere sind im Archivinformationssystem  Arcinsys als „Nicht-Archivgut“ erfasst). Auf diese Weise stehen Benutzer*innen online alle Fotomedien (abgesehen von Originalabzügen also auch alle Kopien, Zeitungsausschnitte usw.) der Bestände J I und J II als Verzeichnungseinheiten zur Verfügung. Denn im Archivalltag ist es aus Benutzerperspektive häufig völlig ausreichend, die Kopie einer Abbildung der gesuchten Person in Augenschein nehmen zu können.

Viertens wurde auf der Basis des Berichts der Restauratorin ein Restaurierungsplan erstellt, der nunmehr sukzessive abgearbeitet wird.

Fünftens erfolgte die Neuverpackung rechtlich geklärter und gut erhaltener Originalabzüge nach einer Trockenreinigung mit geeigneten Verpackungsmaterialien nach DIN ISO 9706.

Sechstens schloss sich im Hinblick auf die Präsentation ausgewählter Fotos in der „Digitalen Bibliothek Braunschweig“ die Kontaktaufnahme mit den Fotograf*innen bzw. ggf. mit ihren Erb*innen an inkl. einer Nutzungsanfrage. Fotograf*innen erreichen meistens ein hohes Lebensalter, daher war dieser Schritt teilweise zeitintensiv – die Kontaktaufnahme verlief oft über mehrere Personen. Die Lebensdaten der Abgebildeten waren ebenfalls zu ermitteln.

Siebtens wurde mit der Digitalisierung der rechtlich abgeklärten Fotos aus den Beständen J I und J II begonnen.

Achtens folgt die Präsentation der dafür frei gegebenen Fotos in der Digitalen Bibliothek Braunschweig gemäß der Open Access-Strategie der Universitätsbibliothek Braunschweig.

Insgesamt gesehen konnten aufgrund der KEK-Förderung Erschließung, Lagerung, Erhaltung und Präsentation der Fotomedien des Universitätsarchivs Braunschweig erheblich verbessert werden

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