Einrichtung eines Informatikstudiengangs an der TU Braunschweig

Vor 50 Jahren wurde die Einrichtung eines Studiengangs Informatik an der Technischen Universität Braunschweig vorgeschlagen. Dieser Blogbeitrag beleuchtet den Werdegang dieses Studienganges an der TU Braunschweig von 1949 bis heute.

Vor 50 Jahren, am 17. Januar 1969, schlug Prof. Horst Herrmann dem Ausschuss „Informationsverarbeitung“ der TU Braunschweig vor, einen Studiengang Informatik einzurichten. Die Resonanz war positiv, so dass am 8. September die Professoren Herrmann und Hans-Otto Leilich einen Antrag auf Einrichtung eines Studiengangs Informatik stellen konnten. Am 5. November 1969 nahm die Senatskommission „Informatik-Studiengänge“ ihre Arbeit auf.  1969 ist übrigens auch das Jahr, in dem Karl Steinbuch den Begriff „Informatik“ ersann.

Es ist hochschulhistorisch betrachtet konsequent, dass 1969 die Initiative von Prof. Dr. Horst Herrmann kam (geb. 1906, gest.  1973, Studium der Mathematik und Naturwissenschaften in Göttingen). Herrmann hatte sich seit 1953 mit der Entwicklung der „Analog-Rechentechnik“ beschäftigt. Ergebnisse waren u. a. elektronische Analog-Maschinen, anhand derer die Programmiertechnik weiterentwickelt werden konnte. Herrmann gilt daher als „Pionier der Braunschweiger Rechentechnik“, zudem ist er der erste Leiter des Rechenzentrums.

Rechenzentrum und Informatikstudium stehen am Ende einer Entwicklungsgeschichte, in der verschiedene personelle, wissenschaftliche, politische, ökonomische, gesellschaftliche und infrastrukturelle Faktoren eine Rolle spielten:

1949 erhielt Dr. Horst Herrmann als Lehrbeauftragter am Lehrstuhl für Angewandte Mathematik und Darstellende Geometrie einen vierstündigen Lehrauftrag „Graphische Methoden der praktischen Mathematik“; er bot Vorlesungen und Übungen in Analog- und Digitalrechentechnik an.

Im Sommer 1956 entstand an der TH Braunschweig ein Plan für die Einrichtung eines Rechenzentrums (das dann 1958 eröffnet und behelfsweise im Altgebäude untergebracht wurde).

Dafür wurde 1957 ein „General Purpose Analogue Computer“ der Firma Short Brother and Harland gekauft. Da dieser Computer der erste seiner Art in Deutschland war, gab es zahlreiche Besucher aus Wissenschaft und Wirtschaft. 1958 folgte eine Z 22 der Firma Konrad Zuse aus Bad Hersfeld, die rasch für alle möglichen Fragestellungen und Anwendungen derart intensiv genutzt wurde, dass Nachtschichtbetrieb eingeführt werden musste.  

Die DFG stellte ab 1957 auf Antrag Rechenanlagen als Leihgaben zur Verfügung, so dass viele Technische Hochschulen (darunter die TH Braunschweig) und Universitäten Rechenzentren einrichten konnten. Räume, Betrieb und Personal mussten selbst finanziert werden. 

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Dialoggeräte für Studierende an der ICL 1906S (1973).   (Bild: Pressestelle TU Braunschweig)

Im August 1958 wurde das „Elektronische Rechenzentrum“ eröffnet; es befand sich zunächst im Altgebäude.

1959 Errichtung des außerordentlichen Lehrstuhls „Rechentechnik“ verbunden mit dem Rechenzentrum (RZ).

1961 wurde in der Fakultät III (Abteilungen Maschinenbau und Elektrotechnik) zwei neue Lehrstühle geplant: Fabrikbetriebslehre und Unternehmensforschung (Besetzung 1965 mit Prof. Dr. Ulrich Berr) sowie Datenverarbeitungsanlagen (Besetzung 1968 mit Prof. Hans-Otto Leilich).

Ab 1962 erfolgte die Anschaffung weiterer Analog- und Digitalrechner für das Rechenzentrum (1964 z. B. Zeichentisch Zuse Z 64, zwei Analogrechner Telefunken RAT 700; 1966 u. a. Digitalrechner ICT 1909).

1968 Beschluss der Naturwissenschaftlichen Abteilung zur Einsetzung eines Ausschusses „Informationsverarbeitung (Computer Science)“ unter Prof. Horst Herrmann.

1969 berichtete Dr. Bayer in der Fak. I, Naturwissenschaftliche Abteilung über die Ausbildung in Informatik an anderen Hochschulen ab Sommersemester 1970: Universität Bonn, Universität Erlangen-Nürnberg, TU Berlin, TU Darmstadt, Universität Karlsruhe und TH München.

Am 5. November 1969 wurde die Senatskommission „Informatik-Studiengänge“ ins Leben gerufen. Außerdem startete in diesem Jahr ein „Überregionales Forschungsprogramm Informatik der Bundesrepublik Deutschland“.

Im Januar 1970 beantragte der Rektor der TU Braunschweig beim Ministerium vier neue Informatik-Lehrstühle (ein Argument waren die schon vorhandenen Lehrstühle Rechentechnik und Datenverarbeitungsanlagen).

Am 15. Juni 1971 richtete die Senatskommission an der TU Braunschweig den Vorstudiengang Informatik zum WS 71/72 ein. Es gab 25 Studienanfänger-Anmeldungen.

Mitte 1972 wurden die Professoren Dr. Klaus Alber (Programm- und Dialogsprachen sowie ihre Übersetzer) und Dr. Wolfrahm Urich (Betriebssysteme) besetzt.

1973 begannen die Planungen für zwei weitere Informatik-Lehrstühle: Automatentheorie und formale Sprachen (besetzt 1974 mit Prof. Dr. Roland Vollmar) sowie Informationssysteme (Besetzung 1974 mit Prof. Dr. Günther Stiege).

Insgesamt gesehen war die TU Braunschweig Anfang der 1970er-Jahre Teil der ersten Welle von Informatikstudiengängen, die 1967 mit der Einrichtung eines Studiengangs „Informationsverarbeitung“ an der TH München begonnen hatte. Dabei kamen in Braunschweig die wesentlichen Impulse für die Entwicklung der Informatik aus der Naturwissenschaftlichen Abteilung, der Abteilung für Maschinenbau und der Abteilung für Elektrotechnik.  Aus zeitgenössischer Sicht wurde diese interdisziplinäre Arbeit positiv bewertet, so habe man viel voneinander gelernt (Prof. Leilich). Verglichen mit anderen Universitäten zeichnete sich das Braunschweiger Informatikmodell anfangs durch eine elektrotechnische Prägung aus.

Und heute? Aktuell stehen an der TU Braunschweig im Fach Informatik zahlreiche Studienrichtungen zur Auswahl: Das Spektrum reicht u. a. von Big Data Management, Fahrzeuginformatik und Medizinischer Informatik über Wirtschaftsinformatik bis hin zu Visual Computing.    

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