Ehrentitel der TH und TU Braunschweig (von 1900 bis heute)

0An der TU Braunschweig werden die Titel Ehrensenator/in und -doktor/in verliehen. Zuletzt erhielt Udo-Willi Kögler 2015 die Ehrensenatorenwürde und Uta Hassler 2017 den Titel Dr.-Ing. E. h (Ehren halber). Beide haben Vorgänger/innen: Nach jetzigem Kenntnisstand wurde die Ehrendoktorwürde bisher 317-mal verliehen und die Ehrensenatorenwürde 110-mal. Hinzu kommen einige Ehrenbürger.

Die Geschichte der Ehrentitelvergabe an der Carolo-Wilhelmina begann am 8. Mai 1900 damit, dass Prinz Albrecht von Preußen, Regent des Herzogtums, der TH Braunschweig nach preußischem Vorbild das Recht zugestand, die Titel „Diplom-Ingenieur“, „Doctor-Ingenieur“ und „Doctor-Ingenieur auch Ehren halber“ zu verleihen.

Daraufhin erfolgte am 18. Oktober 1900 der Erlass einer Promotionsordnung für die TH Braunschweig und erstmalig am 23. November die Ernennung des Braunschweiger Professors für technologische Chemie, Prof. Friedrich Ludwig Knapp zum Dr.-Ing. E. h.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 versuchten Technische Hochschulen reichsweit ihre finanzielle Notlage u. a. über die Vergabe von Ehrentiteln an wohlhabende Spender und einflussreiche Förderer zu lindern: Hatte es beispielsweise an der TH Braunschweig von 1900 bis 1916 24 Ehrenpromotionen gegeben, so stieg deren Zahl in den folgenden 16 Jahren auf 153. Die Beehrten stammten wie andernorts zu einem großen Teil aus den Kreisen der Fabrikbesitzer, Unternehmer, Direktoren und Politiker. Diese Personengruppe stellte aus Sicht der praxisnahen Technischen Hochschulen darüber hinaus ein bedeutendes Bindeglied zwischen Wissenschaft und Wirtschaft dar. In Braunschweig wurde sie auch frühzeitig über die Gründung des Hochschulbundes 1918 für die Unterstützung der TH gewonnen. Heute wird diese Kooperation zwischen Wissenschaftler/innen und Unternehmer/innen z. B. als „Technologietransfer“ bezeichnet.

Um den Titel „Dr.-Ing.“-Titel nicht durch eine inflationäre Vergabe in seinem Wert zu mindern und dennoch Förderer gewinnen zu können, wurde in den 1920er-Jahren allerorten nach Alternativen gesucht. In Braunschweig kam seitens des Senats und des Volksbildungsministeriums der Vorschlag, die Ehrenbürgerwürde zu verleihen; sie sollte nicht an wissenschaftliche Leistungen gebunden sein. 1920 wurde der Titel „Ehrenbürger“ erstmalig vergeben, und zwar anlässlich des 175-jährigen Jubiläums der Carolo-Wilhelmina. Die solchermaßen Geehrten waren die Industriellen Heinrich Büssing, Walther Buchler, Reinhold Lochner und der ehemalige braunschweigische Staatsminister Carl von Wolff sowie Paul Nehring (Vorstandsmitglied des Hochschulbundes).

Ab 1922 löste die Ehrensenatorenwürde den Ehrenbürgertitel ab. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde der Ehrenbürgertitel dann wieder in geringem Umfang an Persönlichkeiten vergeben. Insgesamt gesehen verlieh man hierzulande sehr viel mehr Personen den Ehrensenatorentitel.

Übrigens verschlechterte im Freistaat Braunschweig die Ehrentitelvergabe in einem Falle ganz besonders das ohnehin angespannte politische Klima: Heftige Proteste aus hiesigen konservativen und nationalsozialistischen Kreisen erregte 1930 die Verleihung der Ehrendoktorwürde an den sozialdemokratischen Politiker und preußischen Minister Karl Severing auf Vorschlag der kulturwissenschaftlichen Abteilung der TH Braunschweig.

Das Gros der Verleihungen verlief jedoch unspektakulär und erfolgte regional wie überregional im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts vermutlich vorrangig aufgrund wissenschaftlicher Verdienste; eine Synopse der bisherigen Forschungsergebnisse zur Ehrendoktorvergabe könnte Klarheit schaffen. Als Braunschweiger Beispiel soll Dr. Friedrich (Fritz) Giesel dienen, ein enger Freund der Wolfenbütteler Lehrer und Physiker Julius Elster und Hans Friedrich Geitel. Aus der abgebildeten Urkunde geht hervor, dass Giesel 1916 die Ehrendoktorwürde der TH Braunschweig für seine Verdienste um die „Erforschung der Radioaktivität“ bekam. Fritz Giesel zählt u. a. zu den Pionieren auf dem Gebiet der Radiologie. Überdies erkannte er sehr früh die schädlichen Wirkungen der Strahlung, tragischerweise verstarb er an einer Krebserkrankung.

Die skizzierte Geschichte der Ehrentitelvergabe verdeutlicht deren Quellen- und Aussagewert für die Geschichtswissenschaft – hier spiegeln sich wissenschaftliche, gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Strömungen in den Archivalien wider.

Nicht zuletzt deswegen haben einige Hochschulen und Universitäten bereits die Ehrentitelträger/innen erforscht wie z. B. Klaus Mauersberger für Dresden, weitere Beispiele sind die Universitäten Göttingen und Freiburg (https://www.uni-freiburg.de/universitaet/portrait/ehrungen-und-preise/ehrensenatoren/uni-freiburg-liste-der-ehrensenatorinnen-und-ehrensenatoren.pdf, Abruf: 2. Mai 2019). Ein besonderes Augenmerk richtet sich dabei jeweils auf die nationalsozialistische Zeit. NS-Politiker wie z. B. Reichserziehungsminister Bernhard Rust oder Hermann Göring nahmen im Gegensatz zu Hitler akademische Ehrentitel an. So auch von der TH Braunschweig: 1938 erhielten Rust und Göring jeweils den Titel eines Ehrensenators. Obwohl rechtlich gesehen der Titel mit dem Tod des Trägers erlischt, hat das Präsidium der TU Braunschweig am 23. Januar 2019 beschlossen, sich von der Titelvergabe an Göring und Rust ausdrücklich zu distanzieren. Außerdem haben die Präsidiumsmitglieder dem Universitätsarchiv und der AG Hochschulgeschichte den Auftrag erteilt, die weitere Aufarbeitung der Ehrentitelvergabepraxis zwischen 1933 und 1945 zu leisten.

Ebenfalls mit dem Thema „Ehrentitel“ befasst, allerdings u. a. mit Blick auf die Vergabepraxis auf reichsweiter Ebene, ist Michael Wrehde, Doktorand und wissenschaftlicher Mitarbeiter der TU Braunschweig. Prof. Dr. h.c. Gerd Biegel beleuchtet im Rahmen eines Projekts „Ehrenbürger der TU und der Stadt Braunschweig“. Wichtige Informationen enthält darüber hinaus Bettina Gundlers 1991 erschienene Dissertation über die Geschichte der TH Braunschweig zwischen 1914 bis 1930.

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